25.04.2012: ZDF.heute

Es muss nicht immer der Presslufthammer sein
Tag gegen Lärm: Dauerhafter Krach macht krank

Oft fällt er erst auf, wenn er fehlt: Lärm. Wenn es fernab von Städten, Straßen und Flugrouten plötzlich still ist. Sonst umgibt uns ständig Krach. Das nervt - und kann krank machen. Den Lärm zu bekämpfen, erweist sich als mühseliges Unterfangen.

"All'arme - zu den Waffen!" Der italienische Alarm-Ruf ist die Wurzel des Wortes "Lärm". Schon das macht deutlich: Natürlich geht es um Schallwellen und Lautstärke, aber genauso geht es auch um Signale, die unseren ganzen Körper in Alarmzustand und hormonelle Aufruhr versetzen. Lärm bedeutet Stress, und der kostet neben Lebensqualität oft auch Lebenszeit, fördert er doch Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Ohren, Schlaf und Lernen beeinträchtigt

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betrachtet Lärm als zweitgrößtes in der Umwelt lauerndes Gesundheitsrisiko, nach der Luftverschmutzung. In einer Studie von 2011(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) schätzt die WHO, dass den Menschen in Europa jedes Jahr mindestens eine Million an gesunden Lebensjahren aufgrund von Lärm verloren gehen. Neben den lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielen in dieser Bilanz Schlafstörungen, stressbedingte Verstimmungen und Tinnitus eine Rolle, außerdem Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit von Kindern.
Laut WHO fühlt sich jeder dritte Europäer tagsüber durch Lärm gestört. Jeder fünfte klagt über nächtlichen Krach von Autos, Zügen oder Flugzeugen. In Deutschland führt das Umweltbundesamt(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) seit 2002 eine fortlaufende Online-Umfrage zur Lärmbelästigung durch, an der jeder teilnehmen kann. Zentrales Ergebnis: Die weitaus gravierendste Krachquelle ist der Straßenverkehr, gefolgt von Nachbarn, Baustellen und Flugverkehr.

Umstrittenes Städte-Ranking

Dass Lärm krank machen kann, ist unumstritten. Ab welcher Schwelle er das tut, ist weniger sicher. Laut Umweltbundesamt deuten Studien darauf hin, dass schon eine nächtliche Dauerbeschallung mit 40 Dezibel (dB) Gesundheitsprobleme verursacht. Für ein "Lärmranking" aller deutschen Städte ab 250.000 Einwohnern legte das Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) den Wert von 55 dB als Schwelle zugrunde und untersuchte, welcher Anteil der Stadtfläche rund um die Uhr so hoch belastet ist, wenn man alle Lärmquellen addiert.
Trauriger Spitzenreiter des Rankings wurde Hannover vor Frankfurt und Nürnberg. In der Fachwelt wurde das Ranking allerdings heftig kritisiert. Es beruht auf Lärmkarten, welche die Kommunen mit Blick auf die Entwicklung von Lärmaktionsplänen erstellt haben. An diese Aufgabe seien die Städte methodisch so unterschiedlich herangegangen, dass man die Ergebnisse unmöglich vergleichen könne, monierte der Abteilungsleiter "Lärm" vom Umweltbundesamt.

Grenzen physikalischer Messungen

Brauchbare Daten fehlen also, wenn man herausfinden will, wie es im Städte-, Länder- oder historischen Vergleich um die Lärmbelastung bestellt ist. Vielleicht ist es aber sogar prinzipiell unmöglich, derartige Fragen allgemeingültig zu beantworten. "Lärm ist das Geräusch der anderen", schrieb Kurt Tucholsky. Anders gesagt: Was als Lärm empfunden wird, hängt nur zum Teil von der Lautstärke ab. Der Presslufthammer vor dem Fenster oder der tosende Wasserfall: Beide können gleich laut sein und werden doch völlig unterschiedlich wahrgenommen.
Auch wenn sich neben der Lautstärke noch weitere Parameter messen lassen: Welche Geräusche wie störend sind, ist letztlich keine objektiv beantwortbare Frage, wie die Berliner Psychoakustikerin Brigitte Schulze-Fortkamp betont: "Das hängt etwa davon ab, ob einer das Geräusch kennt, ob es ihm etwas vermittelt, ob er diese Bedeutung akzeptiert oder ablehnt."

Hundert Jahre Lärmbewältigung

Als sicher darf indes gelten, dass Lärm kein neues Problem ist. Auch Anfang des 20. Jahrhunderts litten viele Menschen unter Krach, erzählt der Umwelthistoriker Frank Uekötter. Seither habe man viel gelernt: "Wir sind die glücklichen Profiteure von einem Jahrhundert Lärmbewältigung." So sind heute Flüsterasphalt und gekapselte Motoren, lärmoptimierte Düsentriebwerke und Mehrfachverglasung Stand der Technik.
Nur: Fast jeder Fortschritt beim Lärmschutz wird durch das ungebremste Wachstum im Verkehrssektor gleich wieder zunichte gemacht. Und so ist es vielleicht paradigmatisch für den Widerstreit zwischen Mobilitäts- und Ruhebedürfnis, wenn just am Tag gegen den Lärm auch der Tower des neuen Berliner Großflughafens feierlich eingeweiht wird.

von Ulrich Pontes
25.4.2012
http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/20/0,3672,8509556,00.html