28.08.2012: MAZ

Überraschung im Briefkasten
Wie zwei Ehepaare aus Großbeeren den Nachtflug auf ihre Art zu verhindern suchen
Es sind nur noch gut drei Monate Zeit. Bis zum 3. Dezember muss das Volksbegehren für ein erweitertes Nachtflugverbot von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens allein im Land Brandenburg 80.000 Unterschriften zusammen haben, damit ein Volksentscheid möglich wird. Seit dem 4. Juni kann jeder Brandenburger ab 16 Jahre seine Unterschrift in seiner Stadt- oder Gemeindeverwaltung abgeben. Doch die Beteiligung ist schleppend, selbst in den betroffenen Gemeinden. So auch in Großbeeren.
„Die Beteiligung war einfach unterirdisch“, sagt Axel Jung. Er hatte vor anderthalb Jahren schon mal mit seiner Frau Monika in Großbeeren Unterschriften gesammelt gegen die Aufweichung des Nachtflugverbots durch eine Änderung des Luftverkehrsgesetzes. „Nachtflüge sind schlimmer als Flugrouten“, sagt der Vorruheständler, den das Thema nicht in Ruhe lässt. Denn jetzt will er versuchen, die Großbeerener Mitbürger als unmittelbar Betroffene dazu zu animieren, doch noch ihre Unterschrift unter das Volksbegehren zu setzen.
Die Idee dazu hatte diesmal allerdings Ute Szenkler. Und da sie sich an die Aktion der Jungs erinnerte, wandte sie sich mit ihrem Mann Thomas an das andere Ehepaar, und man beriet sich.
Herausgekommen sind ein gelber und ein weißer Zettel in einer Auflage von jeweils 3620 Stück, damit jeder Haushalt in Großbeeren sie bekommt. Auf dem gelben Zettel stehen Informationen zum Volksbegehren sowie ein Kurzinterview mit Großbeerens Bürgermeister Carl Ahlgrimm (parteilos), der ausdrücklich für die Teilnahme am Volksbegehren wirbt.
Auf dem weißen Zettel sind unter dem Adressfeld an das örtliche Einwohnermeldeamt zwei Anträge auf Erteilung eines Eintragungscheines für das Volksbegehren. Wer einen solchen Antrag unterschreibt und an das Einwohnermeldeamt schickt, erhält einen Eintragungsschein zugeschickt, den er unterschreiben und an die Gemeindeverwaltung zurückschicken muss. Damit erspart man sich den direkten Weg zum Rathaus.
Um die Trägheit ihrer Mitbürger zu überwinden, haben die Szenklers und die Jungs sich das einiges kosten lassen. Schließlich mussten die Zettel gedruckt werden. Das „Eintüten“ in die Umschläge übernahmen sie aber in Eigenarbeit. Mehrere Abende waren beide Ehepaare damit beschäftigt, die DIN-A-4-Bögen in Umschläge zu stecken. „Am Ende glühten uns die Finger“, sagt Ute Szenkler.
Dabei tütete man sie so auffällig ein, dass durch das Umschlagsfenster die Adresse des Einwohnermeldeamtes zu sehen war, was fast schon amtlich wirkte (und deshalb vielleicht auch nicht so schnell weggeworfen wird), und das gelbe Blatt über der offenen Umschlaglasche herausragt mit dem Schriftzug „Nachtflug abwählen = Gesundheit schützen = Wohnwert erhalten“.
Verteilt wurden die Umschläge als Wurfsendung gemeinsam mit dem Amtsblatt – „eine echte Überraschung im Briefkasten“, freut sich Axel Jung. Denn die Reaktion war prompt. Auf der eigenen Homepage zählte man gleich viel mehr Klicks als sonst, und das Einwohnermeldeamt erhielt recht bald eine Flut an Unterlagenanforderungen, wie Bürgermeister Ahlgrimm der MAZ bestätigt. Allerdings seien dabei auch Zuschriften von Bürgern, die die Unterlagen bereits per Internet bestellt oder gar schon ihre Unterschrift geleistet hatten. „Da müssen wir sehr genau prüfen“, so Ahlgrimm.
Mit weiteren Zuschriften rechnet er von der Bürgerinitiative „Unser Großbeeren“, die beim Siegesfest am Wochenende an einem Infostand ebenfalls Unterlagenanforderungen gesammelt hat.

(Von Hartmut F. Reck)
maz
28.8.2012
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